In Gedenken an Sr. Abraham

Manchmal konnte sie einen fast entrüstet von unten herauf ansehen und fragen: „Wie, den kennst Du nicht?“.
In der Tat, es soll Menschen geben, die nicht wie Sr. Abraham, jeden und jede in der Heiligen Stadt kannten… in ihrer Stadt, in der Stadt, die seit der Mitte der 1960er Jahre ihr zur neuen Heimat, zur eigentlichen Heimat geworden war.

Aus einem lutherischen, dänischen Elternhaus führte ihr Weg in die katholische Kirche, dann zu den schwedischen Brigittinerinnen, eine Zeit, schmerzlich beendet in der Umbrüchen im Umfeld des Vaticanum Secundum, schließlich nach Jerusalem und dann auf den Ölberg. Sei es im Engagement für die christlichen Studierenden an der Hebräischen Universität, sei es in der (akademisch-interreligiösen) Rainbow Group in Jerusalem, in der Ecumenical Fraternity, sei im Dienst an der Äthiopisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem, sei es in Tantur…, sei es … und sei mit den vielen Besucherinnen und Besuchern der Stadt, nicht zuletzt aus ihrer dänischen Heimat, denen sie die Vielfalt und den Reichtum der Stadt erschloß, …. in Jerusalem, dem irdischen, wie nun im Himmlischen, war sie Zuhause.

Wer kannte die äthiopische Psalmenexege, das Thema ihrer Dissertation, besser, wem waren die vielen christlichen Traditionen der Stadt besser vertraut als ihr? In welche Sprache konnte sie nicht kommunizieren, nicht nur Ge’ez und Amharisch, Latein natürlich, Griechisch, Hebräisch – die Sprachen des Kreuzes, Dänisch, Schwedisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch … und die Liste ginge weiter.

Mit dem Mount Zion Award ausgezeichnet, dessen Preisgeld ihr endlich in ihrer Klause auf dem Ölberg, warmes Wasser brachte, waren ihr solche äußeren Zeichen nicht wichtig: Aber ihre Mitgliedschaft in einer Vereinigung für das Priestertum der Frau, ihr Eintreten für ein selbstbestimmtes Leben, für eine Kirche der Geschwisterlichkeit, für den Reichtum der Bildsprache der Ikonen, so ganz eigen und Besonders in ihren Nachschöpfungen der äthiopischen Ikonen lebendig gemacht… das war Sr. Abraham. Sie war ein Teil der Stadt geworden, sah sich in einer langen Tradition von pilgernden Menschen, die in ihr „hängengebleiben“ waren, angekommen an ihrem Ort und mit einem Recht jenseits von ‚Recht‘, dort auch zu bleiben… Das dies möglich sein sollte und möglich bleiben müsse, war ihr immer wichtig.

Es ließ sich trefflich mit ihr streiten, hart und fair, gerade über aktuelle palästinensische Theologie zum Beispiel, aber mit einem weiten Herzen und mit tiefer Sorge um den Mitchristen, die Mitchristen, den Mitmenschen jedweden Glaubens.

Wir haben oft zusammen auf dem Ölberg gefrühstückt, nach der Messe am Morgen klangen die lateinischen Gesänge nach…, Sr. Abraham hat mir manche Tür aufgeschlossen in dieser Stadt, erschlossen besser gesagt, schon seit Anfang der 1990er Jahre war sie AphorismA verbunden, als Autorin und auch mit ihren äthiopischen Ikonen. Nach der französischen Geschichte des christlichen Jerusalem, ist eine englische Ausgabe fertig gestellt, sie hat sie nicht mehr selbst prüfen können, sie herauszugeben bleibt ein Vermächtnis.

Ähnlich wir P. Düsing, dem im Jahr 2000 verstorbenen Freund Jerusalems aus dem Münsterland, war es auch Sr. Abraham an ihrem Lebensende nicht vergönnt, im irdischen Jerusalem zu bleiben, krankheitsbedingt wurde sie in ihre alte Heimat Kopenhagen zurückgeholt. Aber auch dort, wie auch auch hier, bleibt der Satz aus dem Ps 87 wahr:

Wir sind alle Bürgerinnen
und Bürger Jerusalems.

Dereinst dürfen wir es alle in jenem Jerusalem sein, in das sie jetzt schon heimgekehrt ist. Wie wenigen vergönnt, war sie es auch hier auf Erden schon: Zuhause in Jerusalem!

Rainer Zimmer-Winkel

*
Am Dienstag der Pfingstoktav (5. Juni 2017) wurde in der Kirche Unserer Lieben Frau in Næstved die Totenmesse gelesen; anschließend wurde ihr Leichnam zur Kremierung gebracht.

 

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Bei AphorismA sind von Sr. Abraham /  Drin. Kirsten Stoffregen Pedersen erschienen:

Die äthiopische Kirche von Afrika bis nach Jerusalem. 2000 Jahre afrikanisches Christentum. AphorismA Verlag Trier, 3. Auflage 1998 (Kleine Schriftenreihe des Kulturvereins AphorismA – Band 21)

Les Chrétiens en Saint Terre. AphorismA Verlag Berlin 2008 | 2. ed.

Äthiopische Ikonenpostkarten. Vier Postkarten mit äthiopischen Ikonen sowie vier Briefumschlägen, in einer wiederverschließbaren Klarsichthülle, mit Begleitblatt

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2 Gedanken zu “In Gedenken an Sr. Abraham

  1. Danke für die Würdigung dieser großen Frau. AUch ich habe ihr so viel zu verdanken und bedauere es zutiefst, dass ich es ihr nicht wirklich gedankt habe, Aber auf den Dank war sie nicht hinaus. Sie war eine große – Geistin und – bedauerlich, dass anscheinend weltliche Bedingungen es nicht gestatteten, in dieser ihrer spirituellen, geistlichen Heimat zu sterben. Vielleicht aber ist das gar nicht so wichtig, denn: wir leben alle auf dieser einen Erde, Welt, Kosmos. Ihrer gedenken. Das Gedenken an sie.
    Wie wird ihrer in der äthiopisch-orthodoxen Kirche, im Patriarchat gedacht?
    Wo ist sie begraben und – wo lebte sie zuletzt – wie lange? War sie – quasi alleine und ist Ihnen bekannt, ob ihre starke Unabhängigkeit gewürdigt werden konnte?
    Es würde mich freuen, einmal von Sr. Abrahams letzter Lebenszeit zu erfahren. Was wird aus ihrem „Erbe“?
    Mit freundlichen Grüßen
    Chris Francesca

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    1. AphorismA bereitet z.Z. eine kleine Gedenkschrift vor, die aber noch etwas Zeit brauchen wird. Die englische Ausgabe ihrer ‚Geschichte der Christ(inn)en des Heiligen Landes‘ ist fast fertig gestellt und die Vorarbeiten für einen Band mit Abbildungen ihrer nachschöpfungen äthiopischer Ikonen sind gemacht.

      Ein Bericht im Blog über die Trauerfeier in Dänemark folgt in dieser Woche | rzw

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